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Histaminintoleranz bei Kindern

Häufige Bauchschmerzen, Durchfälle, aber auch Naselaufen und Juckreiz sowie Ausschläge – und das nach dem Essen? Immer mehr Eltern fragen sich, ob das die Symptome einer Nahrungsmittelallergie oder -intoleranz sein können. Tauchen diese Symptome nach histaminreichen Nahrungsmitteln wie z. B. Schokolade, Würstchen und Thunfisch auf, dann wird oft (vorschnell) eine Histaminintoleranz / Histaminunverträglichkeit angenommen.

So erfreulich das gesteigerte Bewusstsein für diese Erkrankung auch ist, geht mit vorschnellen Behandlungsversuchen die Gefahr einher, dass Symptome fehlinterpretiert oder Diagnoseleitlinien und notwendige Testverfahren außer Acht gelassen werden und der Speiseplan des Kindes stärker als nötig eingeschränkt wird. Im schlimmsten Fall drohen dann Mangelerscheinungen, weil lebenswichtige Vitamine und Mineralien nicht mehr in ausreichender Menge in der nun eingeschränkten Nahrungsauswahl vertreten sind.

Abgrenzung zwischen Histaminintoleranz und Nahrungsmittelallergien

Für das Verständnis der Histaminintoleranz ist die Abgrenzung zu einer Allergie wichtig. Bei beiden Erkrankungen spielt der Botenstoff Histamin eine große Rolle. Histamin ist lebensnotwenig. Es wird sowohl über die Nahrung aufgenommen als auch vom Körper gebildet und liegt daher in einem Normalmaß auch bei gesunden Menschen vor.  Ebenfalls entsteht Histamin bei Reifungs- und Gärungsprozessen durch Bakterien, weswegen Nahrungsmittel mit höherem Reifegrad in der Regel mehr Histamin enthalten.

Bei erhöhtem Histaminspiegel im Körper kommt es jedoch zu Symptomen wie Juckreiz, Naselaufen und Niesanfällen bis hin zu Atembeschwerden, Erbrechen und Blutdruckabfall – also typisch allergischen Symptomen, die schlimmstenfalls zum gefürchteten allergischen Schock führen können. 

Histaminintoleranz versus Allergie

Bei der Histaminintoleranz handelt es sich nach unserem jetzigen Verständnis nicht um eine Überreaktion des Immunsystems auf einen Fremdstoff, wie bei einer Allergie im klassischen Sinne, sondern um eine herabgesetzte Toleranz gegenüber zugeführtem Histamin aus der Nahrung. Auch hier spielt der Botenstoff Histamin eine große Rolle, was auch die Überschneidung der Symptome erklärt und zur Verwirrung bezüglich der Begrifflichkeiten „Allergie“ und „Intoleranzen“ beiträgt. Gerade für Eltern ist es dann sehr schwierig zu differenzieren, was nun die Beschwerden auslöst.

Erschwerend für das Verständnis kommt hinzu, dass die Histaminintoleranz meist keine Intoleranz im klassischen Sinne ist, weil die Symptome oftmals nicht nur auf den Verdauungstrakt beschränkt sind und sich nicht zwangsläufig durch Blähungen, Durchfall oder Bauchschmerzen zeigen müssen.

Aufgrund der noch bestehenden Unklarheiten bezüglich der Mechanismen der Histaminintoleranz schlagen die deutschen Leitlinien die Begrifflichkeit „Histamin-Intoleranz-Syndrom“ (kurz: HIS) für die Unverträglichkeit von histaminreichen Lebensmitteln wie gereiftem Gouda, Thunfisch oder der oben erwähnten Schokolade vor.

Allergien bei Kindern

Bei einer Allergie handelt es sich um eine übersteigerte Immunreaktion auf eine bestimmte Substanz wie beispielsweise Kuhmilcheiweiß, das bei einer Kuhmilchallergie als Allergen fungiert. Bestimmte Immunzellen (u.a. Mastzellen) schütten nach Kontakt mit einem Allergen, gegen das das Immunsystem im Vorhinein Antikörper gebildet hat, Histamin und andere Botenstoffe aus. Der Kinderarzt kann mittels eines Tests auf diese Antikörper, sogenannte Immunglobuline des E-Typs (kurz IgE), Hinweise auf solche Allergien finden.

Nahrungsmittelallergien kommen bei einem kleinen Prozentsatz von Kindern vor. Diese können sich jedoch glücklicherweise auch wieder „verwachsen“. Je nach Altersgruppe treten bestimmte Allergien gehäuft auf, die sich im späteren Verlauf abschwächen oder auch komplett zurückbilden können.

Eine Kuhmilchallergie kommt zum Beispiel besonders häufig im Säuglingsalter vor. Je nach Stärke der Allergie kann es zu Symptomen wie Ausschlägen, Schwellungen an Mund / Gesicht, Husten, Atemproblemen, aber auch Erbrechen und Bauchschmerzen kommen. Die Symptome bei einer Nahrungsmittelallergie treten in aller Regel sehr zügig, innerhalb weniger Minuten bis Stunden nach Aufnahme des entsprechenden Nahrungsmittels auf und meist nicht (!) Tage später.

Gibt es Histaminintoleranz bei Kindern?

Die kurze Antwort: Ja, es gibt Histaminintoleranz bei Kindern – diese ist aber selten! Die meisten Betroffenen sind weiblich und in der Mitte des Lebens, da vermutlich die weiblichen Geschlechtshormone eine Rolle bei der Histaminunverträglichkeit spielen.

Symptome der Histaminintoleranz bei Kindern

Wie auch bei Erwachsenen kann es bei Kindern mit Histaminintoleranz zu folgenden Beschwerden kommen:

  • Bauchschmerzen
  • Durchfällen
  • Ausschlägen
  • Juckreiz
  • asthmatischen Beschwerden
  • Naselaufen / Niesen

Die Symptome können mannigfaltig sein, da Histamin ein Gewebshormon ist, welches im Körper für die Symptome bei allergischen Erkrankungen verantwortlich ist und an vielen verschiedenen Stellen im Körper seine Wirkung entfaltet.

Ursachen für eine Histaminintoleranz bei Kindern

Einerseits kann eine zu hohe Histaminzufuhr ein Grund für das Überschreiten der individuellen Toleranzschwelle sein. Andererseits kommen Abbaustörungen vor, die dafür sorgen, dass der Körper mit der eigentlich normalen Menge an Histamin in der Nahrung nicht umgehen kann. Vielfach werden die Gründe für eine Histaminintoleranz im Laufe des Lebens „erworben“, z. B. wird der Histaminstoffwechsel ungünstig durch die Einnahme bestimmter Medikamente oder Magen-Darm-Erkrankungen beeinflusst. Diese Faktoren spielen glücklicherweise im Kindesalter eher selten eine Rolle. Sollten bestimmte Vorerkrankungen vorliegen, so ist es sinnvoll den Verdacht mit dem entsprechenden Fach- oder Kinderarzt zu besprechen.

Ein weiterer Grund sind genetische Risikofaktoren. Histamin wird im Körper hauptsächlich durch zwei Enzyme abgebaut: Das eine ist die Diaminoxidase (kurz: DAO), die unter anderem das im Darm durch Nahrungsmittel anfallende Histamin abbaut, noch bevor es in den Körper aufgenommen wird. Die zweite Möglichkeit des Körpers, sich dem Histamin zu entledigen, ist das Enzym Histamin-Methyl-Transferase (kurz: HNMT). Dies sind die beiden hauptsächlichen Abbauwege. Bei bestimmten Genvariationen besteht eine verminderte Aktivität dieser Enzyme, so dass Histamin schlechter abgebaut wird und es dadurch vermehrt zu histaminvermittelten Symptomen kommen kann.

Das Vorliegen solcher Genvariationen, die nicht per se krankmachend sind, geht nach wissenschaftlichen Erkenntnissen unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Migräne, Asthma und die Unverträglichkeit bestimmter Medikamente einher.

Das heißt aber nicht automatisch, dass das Kind diese Krankheiten später entwickeln wird, sondern es besteht lediglich eine sogenannte Prädisposition für diese Erkrankungen, also eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit für deren Auftreten. Diese Mutationen betreffen allerdings nur einen kleinen Teil der Gesellschaft.

In Gesprächen mit Trägern dieser Genvarianten stellt sich häufig heraus, dass diese Menschen teilweise schon im Kindesalter Symptome einer Unverträglichkeit gegenüber bestimmten histaminhaltigen Nahrungsmitteln hatten, auch wenn es dazu noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt und die Beobachtungen anekdotischer Natur sind.

Wie teste ich mein Kind auf Histaminintoleranz?

 

Histamin löst in hohen Dosen auch bei gesunden Kindern Symptome aus – das ist völlig natürlich. Aufgrund der individuellen Toleranzschwelle, die jeder Betroffene besitzt, ist deswegen ein Provokationstest, bei der die symptomauslösende Substanz Histamin direkt zugeführt wird, schwer zu beurteilen. Dennoch wird dieser in spezialisierten Einrichtungen von erfahrenen Ärzten angeboten.

Der Histamin-Provokationstest muss zwingend unter stationären Bedingungen durchgeführt werden, damit sofort durch Ärzte und medizinisches Fachpersonal gehandelt werden kann, falls es zu schwerwiegenden allergischen Reaktionen kommt.

Die Leitlinie zur Histaminunverträglichkeit der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) plädiert daher als einfachere und ungefährlichere Testmöglichkeit für einen Auslassversuch in Form einer sogenannten Eliminationsdiät. Dabei wird darauf geachtet, dem Kind nur histaminarmes Essen zuzubereiten und histaminreiche, verarbeitete Nahrungsmittel zu meiden. Gut verträglich bei histaminintoleranten Personen sind unter anderem oftmals Reis, Kartoffeln, gekochte Karotten, Kürbis, Brokkoli und frisches Hühnchen.

Wer mit der Eliminationsdiät auf Nummer sicher gehen möchte, kann bewusst weitere biogene Amine wie Tyramin (reichlich enthalten in Himbeeren und Papaya) oder Putrescin (in Weizenkeimen) meiden. Der Körper benötigt Enzyme wie Diaminoxidase sowohl für den Abbau von Histamin als auch für den Abbau anderer biogener Amine, so dass dem Körper bei einem hohen Konsum biogener Amine weniger DAO für den Abbau des anfallenden Histamins zur Verfügung steht. Nach spätestens 14 Tagen histaminarmer Ernährung sollte bei dem Kind eine deutliche Besserung eingetreten sein. Falls diese nicht eintritt, hat man es in der Regel nicht mit einer Histaminintoleranz zu tun und es müssen andere Ursachen für Durchfälle oder allergische Beschwerden gefunden werden. Dies am besten immer zusammen mit dem Kinderarzt und entsprechenden Fachärzten.

Diese Eliminationsdiät stellt auch gleichzeitig die Therapie der Histaminunverträglichkeit dar, sollte sich der Verdacht auf diese bestätigen.

Dennoch sollte immer eine möglichst abwechslungsreiche Ernährung im Fokus stehen. Selbst wenn sich herausstellt, dass eine gewisse Unverträglichkeit gegenüber Histamin vorliegt, sollten Eltern sich nach der streng histaminarmen Phase der Elimination vorsichtig an die individuelle Toleranzschwelle des Kindes herantasten. Dabei sollte das Gespräch mit dem Kinderarzt gesucht werden. Ebenfalls kann es ratsam sein, sich professionelle Hilfe bei einer Ernährungsberatung zu suchen, um dem Kind eine gesunde, abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung bieten zu können.

 

Lisa Dostmann

ist Heilpraktikerin in eigener Praxis und hat sich auf Erkrankungen rund um das Immunsystem wie Allergien und Autoimmunerkankungen spezialisiert. Ein besonderer Fokus ihres Engagements liegt auf Intoleranzen, wie z.B. Histamin- oder Salicylatintoleranz, die ebenfalls Symptome aus dem allergischen Spektrum aufweisen. Als Betroffene setzt sie sich in Vereinen wie dem VAEM e.V. für die Aufklärung über Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen ein. Sie bloggt über wissenschaftliche Erkenntnisse, Therapien und das Leben mit einem verrückten Immunsystem auf immunoloco.com und steht dort auch für Coaching zur Verfügung.

 



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